Esther Dischereit, Es gilt das gesprochene Wort
Esther Dischereit, Es gilt das gesprochene Wort
Esther Dischereit
Es gilt das gesprochene Wort
Ich rede – wir reden – ich berichte – wir berichten – wir halten inne:

Ich wollte an dieser Stelle über das Schicksal von Ante P. berichten, der am 2. Mai 2022 auf dem Marktplatz in Mannheim während eines Polizeieinsatzes starb, davon, dass die Mutter und die Schwester von Ante P. um Gerechtigkeit kämpfen, davon, dass es die Initiative 2. Mai in Mannheim gibt, und davon, dass es in Mannheim erneut am 23.12.2025 eine weitere Tötung eines Menschen im psychischen Ausnahmezustand durch die Polizei gegeben hat.

Ich wollte darüber berichten, wie die 19-jährige Tochter des getöteten Ertekin Özkan das Wort „Mord“ dafür nicht gebrauchen sollte und der Freund der Familie des Getöteten, der alles mit ansah, strafrechtlich belangt werden sollte, weil er von einer „regelrechten Hinrichtung“ sprach. Die Initiative 2. Mai sollte sich ebenfalls fürchten, weil auch sie von einer Anzeige betroffen war. Eine Initiative, die sich seit der Tat darum kümmert, dass der Getötete nicht vergessen wird, dass die Handlungen der Polizei benannt werden, wie es in einem Gutachten hieß, als „Tötung durch Fremdeinwirkung“ – und wie die Initiative den Familien zur Seite steht, sie bei dem belastenden Prozess begleitet und sie unterstützt, wenn sie darum kämpfen, ihre Sicht der Tat den politisch Verantwortlichen gegenüber zu Gehör zu bringen und sie ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen. Sie wollen, dass sich so etwas nicht wiederholen möge. Sie wollen Gerechtigkeit und eine Bestrafung der Täter* innen und sie wollen, wie es die Schwester von Ante P. verlangt, dass jemand doch die Verantwortung für diese Tat übernimmt, damit dieses Töten gestoppt wird. Sie wandte sich in Reden und Schreiben an den Landtag von Baden-Württemberg, an das Polizeipräsidium in Mannheim und an weitere Stellen, nahm Kontakt auf mit Kriminolog*innen, mit Gutachter*innen, die bestätigten, dass eine Fesselung in Bauchlage mit Handschellen auf dem Rücken lebensbedrohlich und der Polizei nicht erlaubt ist.

Diese Dinge wollte ich berichten und darüber, dass die Familien derer, die von Polizeigewalt betroffen sind, wie die Familie des Mouhamed Dramé von Dortmund, von Sammy Baker, der in Amsterdam getötet wurde und dessen Familie aus Gießen stammt, von Hamburg, von München, von Frankfurt am Main, dass diese Familien zusammenfinden und wollen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass wir alle diese Tötungen von Schutzbefohlenen und im Zusammenhang von Racial Profiling nicht mit Gleichgültigkeit hinnehmen können, und dass es uns daran erinnert, dass es das NS-System war, in dem die systematische Tötung von Menschen mit psychischen und anderen Behinderungen von Staats wegen unternommen wurde.

Ante P. und Ertekin Özkan und Mouhamed Dramé, Soner Atasoy und viele weitere Namen wären hier zu sagen – mehr als 700 Menschen im Laufe der letzten Jahre – Menschen im psychischen Ausnahmezustand: Sie sind Schutzbefohlene und das gewalttätige Vorgehen der Polizei gegen sie ist eine Art, wie die „Norm“abweichung geahndet wird. Eine Gewalttätigkeit, wie sie auch gegenüber migrantisch gelesenen Menschen bzw. Schwarzen Menschen, gegenüber queeren Personen, Menschen ohne Obdach, Bettelnden und anderen stattfindet.

Über dieses und Weiteres wollte ich an dieser Stelle sprechen und darüber, wie die Begleitung der Familien dazu führte, dass durch die Initiative 2. Mai in Mannheim eine Serie von Bildern entstand, gemalt von Tal Hever-Chybowski, zur Würdigung von Ante P., ein Gedicht mit dem Titel „In Memoriam A.P.“ in der Zeitschrift MISSY erschien, Fotografien der Tatorte entstanden und Weiteres.

Die beigefügten Hinweise, wo darüber mehr zu finden ist, mögen zur Information weiter nützlich sein und auch dafür, wie die betroffene Familie von Ante P. weiter unterstützt werden kann.

Diese Solidarität muss weiter organisiert werden, weiter und weiter. Solange bis der nunmehr wieder aufzurollende Prozess vor dem Landgericht Mannheim stattgefunden hat. Nur noch gegen einen der beiden Polizisten soll überhaupt Strafwürdiges untersucht werden. Der Korpsgeist seiner Kolleg*innen hat ihm einen Geldsegen beschwert, sodass er in der Wahl seiner Verteidigung, Gutachter*inen und weiterhin zu beteiligenden Personen keine Kosten zu fürchten braucht. Die Familie des Ante P. dagegen wird durch die Prozesse existentiell bedroht: Der Mutter steht eine kleine Rente zu, erworben von einer lebenslangen Arbeit als Schneiderin in einem Betrieb; der Vater hatte nie eine Arbeitserlaubnis erhalten; Angehörige kämpfen seit diesem Tag des 2. Mai 2022 darum, die Tage, die Wochen, die Monate, Jahre danach überhaupt nur durchzustehen.
Alles das wollte ich erzählen und es gehört erzählt und ich werde weiter darüber sprechen.

Jetzt will ich bei Underground Institutions am 5. Juli 2025 der Not einer anderen Person den Sprachraum übergeben. Es ist ja manchmal so, dass wir in dieser oder dieser Hinsicht mit wichtigen politischen Angelegenheiten oder zivilgesellschaftlichen Anliegen beschäftigt sind. Viele tun das. Es ist das, was wir solidarisches Handeln nennen.

Aber jetzt scheint es mir wichtig, dass wir für einen Moment innehalten und alle Kraft, die wir haben, darauf konzentrieren: Schluss mit dem Krieg gegen Gaza. Das Hungern, das fürchterliche Aushungern muss aufhören und die humanitären Lieferungen sollen zurückgegeben werden in die Hände unabhängiger NGOs. Wir wenden uns gegen die Normalisierung fortgesetzter Völkerrechtsbrüche und -verbrechen; verbrecherisch gegen die Menschlichkeit, gegen die Menschen in Gaza.

Fast will es mir so vorkommen, als wollten auch die Worte dafür verschwinden, weil sie unangemessen erscheinen, fast alles erscheint unangemessen, wenn wir Zeug*innen eines Weltgeschehens werden, in dem vor unseren Augen die Getöteten nur noch in Massengräbern beerdigt werden können und ein weißes Laken nicht mehr ein weißes Laken ist, mit dem wir ein Bett beziehen. Ein Bettlaken werden wir einige Zeit später waschen. Diese Laken aber werden nicht gewaschen. Sie werden nicht zurückgegeben. Sie verschwinden.

Der Dichter Husam Maarouf aus Gaza schrieb in ArabLit Quarterly darüber, wie ihm die Worte verschwinden. Ich möchte, dass er mit diesen Worten hier unter uns Platz nimmt. Und deshalb ist diese Einladung an ihn mein Beitrag für das Festival, übersetzt aus dem Englischen von Iain Galbraith.
Husam Maarouf, Schriftsteller, Gaza, Mitbegründer von Gaza Publications. Gedichtbände: Der Tod riecht nach Glas; Der Barbier bleibt seinen toten Kunden treu. Prosa: Rams Meißel. Ich bedanke mich bei Husam Maarouf, dass wir seinen Text hier lesen dürfen: 



Siehe auch den Beitrag von Esther Dischereit über den Text von Husam Maarouf [09. August 2025].

Hinweise über bereits publizierte Texte zu den gewaltsamen Tötungen von Ante P. und Ertekin Özkan und zu der Arbeit der Initiative 2. Mai Mannheim:

https://initiative-2mai.de/ichwilleinenrichter/inmemoriamap.html

https://initiative-2mai.de/ichwilleinenrichter/Onlineausstellung-ichwilleinenrichter.html?redirect=true

https://initiative-2mai.de/Artikel/demoprozessemrah.html

https://initiative-2mai.de/Artikel/verfahrenemrahbeendet.html

https://missy-magazine.de/blog/2023/01/09/in-memoriam-a-p/

https://www.jutarnji.hr/vijesti/crna-kronika/policajci-optuzeni-za-smrt-hrvata-u-mannheimu-udarali-su-ga-po-licu-koljenom-pritiskali-leda-15286771

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-12/mannheim-toedlicher-polizeieinsatz-anklage-beamte-pfefferspray

Husam Maarouf
HUNGER, DER DIE SPRACHE BESIEGT
Hunger, der die Sprache besiegt

Zu schreiben begann ich nicht als Schriftsteller. Es war nie meine Absicht, mich mit diesem Beruf zu identifizieren, oder mir eine literarische Identität zuzulegen. Ich schrieb nur, weil das Schreiben mir eine Luft schenkte, die ich atmen konnte. Es ermöglichte mir, den Tag zu gestalten, überwältigende Emotionen zu strukturieren und aus dem endlosen Chaos einen Raum der Stille vorübergehend herauszuschneiden. Das Schreiben war kein Fenster auf die Welt, sondern ein Fenster zu mir selbst. Und als die Sprache in mir wuchs, spürte ich, wie ich endlich einen Freund auf diesem brutalen Planeten gefunden hatte, einen, der mir zuhörte, ohne sich abzuwenden, der mir das Gefühl gab, der Welt für kurze Zeit entkommen zu können.  

Ich hatte nie erwartet, dass dieser Freund eines Tages schweigen würde. Nicht, weil ich nicht länger schreiben wollte, sondern weil ich nicht länger konnte.

Und der Grund dafür?

Ich hungere.

Seit der Genozid in Gaza begann, habe ich alles in Frage gestellt. In mir geriet alles ins Wanken, was mir wert war und mich geformt hatte. Sogar das Schreiben – jene tiefsitzende Kraft, von der ich zehrte, um Angst, Vertreibung und Trauer zu widerstehen – fühlte sich zerbrechlich an, in Auflösung begriffen. Krieg ist etwas Seltsames. Er zerstört nicht nur Wohnungen, sondern zieht dir den Boden unter den Füßen hinweg und wischt das winzige Sicherheitsgefühl fort, das du dir zum Trost im Zimmer zurechtgelegt hattest.

Aber weißt du, was das besser kann als der Krieg?

Hunger.

Ich fragte mich immer wieder: Hat das Schreiben noch einen Sinn? Was nützt es, Sätze zu stapeln, wenn sich Leichen unter den Trümmern anhäufen? Was bedeutet es, über Schönheit und Liebe in einer Welt zu schreiben, die dich aushungert und der dein Schmerz egal ist?  

Doch es gab in mir etwas, das diesem Zusammenbruch widerstand. Ich schrieb, sogar als wir vertrieben wurden, sogar unter dem Donner der Bomben. Ich schrieb über die Kinder, die verschwunden waren, über die Leichentücher, die uns für die Toten fehlten, über die Häuser, die sich in Staub verwandelten. Ich schrieb durch die Erschöpfung hindurch, durch die Trauer, durch die Angst. 

Aber niemals durch den Hunger.

Bis März 2025.

Es war dann, als der Hunger sich in meinem Körper einnistete. Er klopfte nicht nur an meine Tür. Er brach meine Brust auf und saß in mir.


Leere

Der Hunger, den ich erlebe, ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Es ist nicht das, was Sie sich vorstellen, liebe Leserin. Nicht nur das Gefühl von Leere im Bauch. Es ist eine Taubheit, die vom Darm aufs Gehirn übergreift, Erinnerungen sich eintrüben lässt, das Sehvermögen entkräftet und jeden Denkversuch in eine unerträgliche Aushöhlung des Bewusstseins verwandelt. Hunger stiehlt einem die einfachsten menschlichen Fähigkeiten: Konzentration, Geduld, Empfindung, den Wunsch, etwas zu sagen. Denken wird zum Luxus. Wörter bekommen ein Gewicht, das keiner heben kann.

Der Hunger, den ich jetzt in mir spüre und der mich ganz verschlingt, ist eine Austreibung der Geborgenheit, der inneren Ruhe. Er bestimmt das Selbst neu, das jetzt schon nahe am Verschwinden ist.

Vor wenigen Tagen sagte ich meiner Verlegerin, dass mir die Ideen ausgegangen seien. Keine neuen Vorschläge. Nicht einmal eine Zeile könnte ich jetzt durchs Nadelöhr fädeln, wie es meine Worte einst schafften.

Ihrem Rat folgend entschied ich, darüber zu schreiben: meine geistige Auszehrung, meine Gebrechlichkeit, meine Zerrüttung. Mein neuer Antrieb – der Schmerz – ist etwas, das ich so noch nie gekannt habe.

Ich schreibe inzwischen einen Satz, dann höre ich auf. Nicht, weil ich ihn überdenken will, sondern weil mir die geistige Kraft fehlt, einen neuen zu schreiben. Von Hunger wird man langsam zermalmt. Es ist, als würde man allein in einer Wüste sterben, die kein Fuß berührt hat. Ich kann nicht richtig schlafen, zum Lesen kann ich nicht lang genug sitzen. Ich spüre, wie ich auseinander falle. Und das Schreiben, das mich einmal zusammenhielt, kann das langsame Zerfallen nicht aufhalten.   


Hungern im Kollektiv

Beim Hunger stirbst du allein. Du brichst seelisch zusammen. Die Gegenwart anderer hungernder Menschen bietet keinen Trost: Im Gegenteil, wenn der Hunger kollektiv erlebt wird, weißt du, dass jede Hand in deiner Umgebung schon abgeschlagen worden ist. Es kann dir keiner helfen.

Wie kann ich hierüber schreiben?

Im Norden von Gaza, wo ich lebe, ist seit März kein einziges Weizenkorn angekommen. Die Märkte sind leergefegt. Was noch an Gütern übrig bleibt, wird zum Zweihundertfachen des normalen Preises verkauft – ohne Scham. Als wären wir keine Menschen.

Wir essen nur Linsen, Reis, Bohnen aus der Dose. Nichts davon befriedigt. Linsen, das Einzige, das es gibt, sind meine Feinde geworden. Der Geschmack macht mich krank. Sie geben mir keine Energie, keine Hoffnung.

Ich überlebe mit einer Mahlzeit pro Tag. Das machen alle in Gaza. Eine Mahlzeit ohne Protein, ohne Calcium, ohne Brot, ohne Geschmack. Eine Mahlzeit, die keine Nährstoffe mehr enthält, keine Bedeutung. Dennoch muss ich täglich anstrengende Aufgaben erfüllen: Brennholz tragen, Wasser von fern holen, Treppen in den fünften Stock hinaufsteigen, Stunden lang nach einem Kilo Mehl suchen, das zwanzig US-Dollar kostet, oder nach einer Dose Sardinen, die keinen Lebensmut weckt.

Und das alles beim niedrigsten Energiepegel, den ich je gekannt habe.

Unter solchen Bedingungen ist das Schreiben kein Akt des Widerstands mehr – es wird zum Akt der Unmöglichkeit. Mein Körper stützt mich nicht. Es dreht sich alles in meinem Gehirn. Ich versuche, einen ersten Satz zu schreiben, doch mein Kopf ist so leer wie die Regale der Stadt. Keine Idee, kein Antrieb, keine innere Stimme zieht mich voran. In mir ist nichts mehr da. Der Hunger hat die Muttererde hinweggefegt, aus der einst meine Worte wuchsen.  

Das Schlimmste am Hunger: Er entfremdet dich von dir selbst. Du verlierst deine Einfühlung. Du wirst taub. Du schrumpfst. Du betrachtest dein Leben, als wärst du ihm ein Fremder. Du fürchtest dich und fürchtest um dich. Nahrung wird zum existentiellen Begriff, zum mythischen Phantom. Du erinnerst dich an Geschmäcker, die du vergessen hattest. Dein Lieblingsgericht ändert sich. Eine Dose Tunfisch wird nun zum Gipfel deiner Träume. Und kochst du ihn mit einem Stück Kartoffel und etwas Tahini, dann feierst du, als wäre das die beste Mahlzeit der Welt.   


Zerlegung des Selbst

Dieses Stück ist nicht nur eine Tragödie. Es handelt auch von Nacktheit, davon, dass der Hunger dir alles raubt außer deinem fragilen Selbst, dem abgeschwächten Körper, der abwesenden Sprache. Vom Gefühl, dass du für die Welt unsichtbar bist, unhörbar – und bist nicht einmal sicher, ob es jemanden interessiert, ob du lebst oder stirbst.

Während eines Genozids ist Hunger mehr als körperliche Entbehrung. Es bedeutet das: Zerlegung des Selbst. Eine langsame Auslöschung deines Lebenswillens.

Du beginnst dich zu fragen:

Was nützt das Schreiben, wenn ich mich nicht satt fühlen kann?

Was nützt das Gedächtnis, wenn ich dazu keinen Zugang finde?

Was nützt Leben, wenn jeder Tag nur der gescheiterte Versuch ist, Essen zu beschaffen, das mit Lebensmitteln keine Ähnlichkeit hat.

Wenn ich mich heute zum Schreiben hinsetze, ist es, als würde ich von einem Ort aus schreiben, der außerhalb meines Körpers ist. Es sind nicht meine Wörter, sondern Überbleibsel von demjenigen, der ich einmal war.

Ich schreibe, weil ich etwas tun muss, um zu vergessen, dass ich hungere.

Schreiben wurde zu einer Zeit der Erschöpfung – es verlangt von mir eine körperliche und psychische Anstrengung, die ich mir nicht leisten kann.

Hunger raubt dir die Sprache, genauso wie er dir Schlaf, Ruhe und Hoffnung raubt.

Und das Schlimmste von allem:

Die Welt schweigt.

Sagt gar nichts.

Als ob der Hunger, der mich umbringt, nicht gehört, nicht gesehen werden kann, als ob er keinem was bedeutet.

Ich bin Schriftsteller.

Oder war.

Aber ich kann jetzt nicht mehr schreiben.

Ich hungere. Und Hunger ist mächtiger als Worte. Mächtiger als das Gedächtnis. Mächtiger als Erkenntnis. Mächtiger als mein Bedürfnis zu dokumentieren.

Das hier ist kein Rückzug vom Schreiben. Es ist eine vollständige Lähmung.

Es fehlt mir inzwischen das Werkzeug, um mich auszudrücken.

Ich habe nicht mehr den Körper zum Sitzen.

Ich habe den Verstand nicht mehr, um einen ganzen Satz zu bilden.

Ich habe Angst, dass ich sterben werde, bevor ich meinen Tod schreiben kann.

Ich habe Angst, dass die Sprache in mir eingesperrt bleibt und nie einen Weg nach draußen finden wird.

Hunger fürchte ich mehr als den Tod, denn er packt dich in langsamen, dich verschlingenden Wellen, bis nur ein sich auflösender Schatten bleibt, der nicht einmal schreien kann.

Wird jemand das lesen?

Wird jemand glauben, dass ein Schriftsteller nicht länger schreiben konnte, weil er nichts zu essen hatte?

Wird sich jemand dafür interessieren, dass Menschen in irgendeinem Winkel der Welt dermaßen hungern, dass ihre Seelen zum Schweigen gebracht werden. 

Vielleicht nicht.

Doch ich habe dies geschrieben – trotz alledem.

Um zu sagen, dass Schreiben möglich ist.

Aber nur wenn der Körper überleben darf.

Übersetzung: Iain Galbraith

Husam Maarouf ist ein Dichter aus Gaza und der Gründer von Gaza Publications. Er hat zwei Lyriksammlungen veröffentlicht: Der Tod riecht nach Glas und Der Barbier bleibt seinen toten Kunden treu, sowie den Roman Rams Meißel. Sein junges Verlagshaus können Sie hier unterstützen: