Michael Annoff & Nuray Demir Hello White Democracy!
Annoff & Demir, Hello White Democracy!
Michael Annoff & Nuray Demir
Hello White Democracy!
Neulich waren wir auf einem Theater-B.A.L.L.  In Hamburg hatte sich die Freie Theaterszene Deutschlands in seiner größten Aufführungsstätte versammelt. Anlass war die Zusammenkunft von 64 künstlerischen Evaluations Labs, die die Publikumsgewinnung vor, während und nach der Pandemie bearbeiteten. Eine der zentralen Fragen lautete: „Wer hat teil, wer fehlt (immer noch)?“
    Die große Halle k6 auf Kampnagel war bis auf den letzten Platz gefüllt, als der Chef des Fonds Darstellende Künste gemeinsam mit der Gastgeberin auf die Bühne trat. Die Intendantin von Kampnagel trug unter dem schwarzen Worker Jacket ein weißes Shirt mit dem Slogan: „Integration ruined my life“.
    Wir lauschten den Visionen der Altvorderen: Die Zukunft habe schon ein wenig begonnen, das Publikum solle die Stadtgesellschaft widerspiegeln, blablabla. Das Fashion Statement nahm die mehrheitlich weiße Freie Szene allerdings schweigend zur Kenntnis. Nach etwa 20 Minuten krähte jedoch ein modeaffiner Störenfried auf die Bühne: „Können Sie uns bitte sagen, warum Integration ausgerechnet Ihr Leben ruiniert hat?“

 Bundesweites Artist Labor der Labore    
Die beiden Vollprofis performten virtuos ihre Souveränität im Theaterhaus. Die Intendantin erläuterte: „Das ist aus einem Kunstprojekt. Ich kann’s jetzt nicht erklären, ich kann’s Ihnen aber nachher gerne erklären. Das soll nicht in echt bedeuten, … das ist ’ne bisschen kompliziertere Geschichte, erzähle ich Ihnen nachher.“ Der Kollege sprang ihr bei: „Genau. Manchmal ist halt Kunst, Kultur und Dinge, die wir machen, etwas komplexer. Aber was wir auch sehen an diesem Wandel, dass ihr alle jetzt die Publika seid, die ihr sonst auf den Bühnen steht und bespielt, es durchaus die Fähigkeit besitzt, sich in andere Perspektiven zu begeben und über die Transformation halt auch – ja! – Gesellschaft zu begleiten. Das ist eine Stärke, an die ich zutiefst glaube.“ 
    Aha. Das so belehrte Fachpublikum hörte andächtig weiter zu und der B.A.L.L. nahm seinen Lauf. Dabei ist das hier aufgeführte Zusammenspiel von Körper und Kostüm, von Subjekt und Slogan, von Aneignung und Arroganz gar nicht so komplex. Denn gerade dieser Auftritt sollte unseren Glauben an das Theater und die Kunst mal wieder erschüttern:
    Seit Jahren diskutieren die Künste über Rassismus und Dekolonialität. Die jahrhundertelange rassistische Aneignung von performativen Praktiken ist zum Glück besser erforscht und intensiv diskutiert worden. Dass Blackfacing ein NoGo ist, muss hoffentlich in der versammelten Theaterszene kaum noch jemandem erklärt werden. Mehr noch: Es gehört zum Tagesgeschäft des Freien Theaters und anderen Feldern der Gegenwartskunst, dass auch und gerade weiße Personen ihre Privilegien reflektieren können und diese Kompetenz gerne nachweisen.  Die so zur Schau getragene Awareness verharrt aber häufig in der demonstrativen Politisierung einzelner Symbole, ohne dass der Transfer auf andere Ausdrucksformen zugrunde liegender rassistischer Strukturen gelingt. Und dann zieht sich eine der mächtigsten Personen im Betrieb eben jenes weiße T-Shirt über den unantastbaren weißen Körper. 

 Fonds Darstellende Künste (Hrsg.) (2023): Bundesweite Artist Labs & B.A.L.L. 2023, Video „Eröffnung“. [Abruf am 03.02.2024.]

 Annoff, Michael/ Demir, Nuray: Hello, White Diversity!, in: Kulturpolitische Gesellschaft (Hrsg.): #neueRelevanz. 11.03.2021  [Abruf am 03.02.2024.]
Es braucht eigentlich gar keine späteren Erklärungen: Die performative Formensprache dieser privilegierten Fürsprache ist alles andere als komplex. Und mit Sicherheit auch keine kritische Begleitung einer Gesellschaft, deren Regierungschef am selben Tag auf dem Cover des größten Nachrichtenmagazins ankündigte: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben!“ 
    In ihrer Abmoderation bemühte sich die Theatermacherin aber später um Aufklärung. Sie habe das T-Shirt am Vorabend von God’s Entertainment geschenkt bekommen. Es ginge um die Frage nach Diversität und nicht um Integration: „Wollen wir alle Menschen in diesem Land integrieren oder wollen wir die Diversität, die Vielfalt?“ Und so versammelte sich auf Kampnagel das Freie Theater, um vor allem sich selbst zu feiern, während andernorts die Versammlungsfreiheit mit Füßen getreten wurde.
    Aber wen meint die Leiterin des Staatstheaters, wenn sie im majestatis pluralis vom „Wir“ spricht? Integration und Diversität als mögliche zwei Optionen im politischen Diskurs darzustellen, ist eine Reformulierung der Migrationsdebatten der weißen deutschen Dominanzkultur. Selbst wenn Integration auch nur rhetorisch als politische Handlungsoption zur Diskussion gestellt wird, wird die Fantasie einer weißen Bevölkerung wiederholt, die souverän über Alltag und Schicksal migrantisierter Menschen entscheiden könnte und dürfte. Der Perspektivwechsel zu Menschen, deren Leben tatsächlich von Integrationsrassismus ruiniert wird, gelingt dem Theater so sicherlich nicht.

 Hickmann, Christoph/Kurbjuweit, Dirk: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“ – Olaf Scholz’ neue Härte in der Flüchtlingspolitik, in: Der Spiegel, Nr. 43 / 20.10.2023, [Abruf am 03.02.2024.]



 
Aber genug von Amelie und Holger, die zumindest grundsätzlich gute Absichten verfolgen.  Die beiden stehen allerdings dennoch stellvertretend für nahezu alle Leitungen großer Kulturinstitutionen in Deutschland, die an ihren eigenen Häusern an den großen Versprechungen nach mehr Diversität gescheitert sind. Fast alle Kultureinrichtungen haben in Aussicht gestellt, ihre diversen Stadtgesellschaften strukturell in Programm, Publikum und Personal zu verankern, blablabla. Dabei haben sie durchweg den Eindruck erzeugt, Vorkämpfer*innen einer diversen und pluralen Zukunft zu sein, die in ihren Häusern schon begonnen hätte.
    Tatsächlich hat sich allerdings wenig geändert, wie wir bereits vor und während der Pandemie kritisiert haben.  Nach wie vor werden die meisten Positionen von Programmmacher*innen mit weißen Deutschen aus der oberen Mittel- und Oberschicht besetzt. Ihnen ist das Privileg vorbehalten, ein wohltemperiertes Programm zusammenzustellen, das den Zugang kritischer Diskurse und Formen zu institutionellen Förderungen reguliert. Dabei sehen sich längst nicht alle Direktor*innen und Intendant*innen dem demokratischen Auftrag verpflichtet, Diskursräume und Debattenkulturen für alle Mitglieder unserer postmigrantischen Gesellschaft zu pflegen. Viele neigen dazu, kritische Diskurse marginalisierter Kreativer und Intellektueller nach Gutsherrenart anzufragen und abzusagen, wie es dem weißen bürgerlichen Blick beliebt.
    Kulturinstitutionen wechseln ihre Themenschwerpunkte wie T-Shirts. Klasse, Klima, Kant, KI – die Programmarbeit geht immer weiter, meistens ohne die Erkenntnisse und Erfahrungen der Diversitätsdebatten intersektional einfließen zu lassen. In den aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen drängt sich daher der Zweifel auf, ob die progressive Selbstinszenierung dieser White Straight Upper Middle Class in den Kulturinstitutionen nicht unaufrichtig gewesen ist. 

 Deutschlandfunk Kultur: Strafanzeige gegen Kampnagel - Ein Kunstprojekt, kein Flüchtlingsheim, in: Deutschlandfunk Kultur, 08.12.2014, [Abruf am 05.02.2024.]

 Annoff, Michael/Demir, Nuray: Showcase im Splitscreen. Videobotschaften an die Dominanzkultur, in: Pfost, Haiko/Renfordt, Wilma/Schreiber, Falk (Hrsg.): Lernen aus dem Lockdown. Nachdenken über Freies Theater. Festschrift zum 20. Jubiläum des Impulse Festivals, S. 21–27, 2020.
Seit geraumer Zeit lassen sich die demokratischen Parteien von rassistischen und faschistischen Positionen vor sich hertreiben. Damit verschieben sich die Grenzen des Denk- und Sagbaren im politischen Diskurs. Es zeichnet sich bereits ab, dass es den hier kritisierten Programmmacher*innen tatsächlich nicht gelingt, alle Menschen teilhaben und zu Wort kommen zu lassen, deren Existenzrecht in Deutschland immer aggressiver infrage gestellt wird. Dass die in Bezug auf Klasse und Rassismuserfahrung extrem homogene Kulturszene in der Lage sein könnte, auch in einem repressiven Klima demokratische Debatten zu ermöglichen, ist nicht garantiert.
    Das zeigt sich gegenwärtig im Umgang mit den massiven Kontroversen, die in Deutschland seit Beginn des Kriegs in Gaza geführt werden. Die Kultureinrichtungen scheitern ganz offensichtlich daran, einen pluralistischen Dialog in einer postmigrantischen und global vernetzten Gesellschaft zu moderieren, wie der historisch bedingten Verantwortung Deutschlands angesichts der jüngsten Entwicklungen außen-, innen- und kulturpolitisch Rechnung zu tragen sei.

Vor dem Hintergrund dieser Verantwortung Deutschlands gelingt es der aktuellen Programmarbeit nicht, Diskursräume der Kultureinrichtungen sowohl für tradierte Ansätze des Holocaustgedenkens als auch für multidirektionale Ansätze offen zu halten. Stattdessen wird fast durchweg dem Eindruck nachgegeben, dass diese Perspektiven per se im Widerspruch zueinander stehen würden. Dadurch werden Künstler*innen und Intellektuelle unter Generalverdacht gestellt, deren multidirektionale Perspektiven angeblich im Konflikt mit der viel zitierten Staatsräson stehen würden. Fast überall wird diese politisch nicht näher ausgearbeitete Staatsräson in ein kulturpolitisches und kuratorisches Paradigma übersetzt. In diesem Paradigma sollen Programmmacher*innen weißer Institutionen Meinungsäußerungen zum Nahostkonflikt zum entscheidenden Kriterium ihrer kuratorischen Entscheidungen machen. 
    Im schlimmsten Fall wird dann der Kampf gegen den angeblich im Kulturbetrieb grassierenden, aber empirisch nicht belegten Antisemitismus ausgenutzt, um einen Teil der Diversifizierungsbemühungen der öffentlich geförderten Kultur grundsätzlich infrage zu stellen.
    Wie sonst ist es zu erklären, dass Kolleg*innen mit Palästina-Bezug, als muslimisch positionierte oder markierte Kolleg*innen und jüdische Kolleg*innen, die die israelische Regierung und Armee kritisieren, und BIPoC Kolleg*innen mit Antisemitismus-Vorwürfen diffamiert werden, während weiße deutsche Künstler*innen und Programmverantwortliche weitgehend unbescholten bleiben?
Ein Beispiel unter vielen: Candice Breitz ist eine weiße jüdische Künstlerin, die in Südafrika aufwuchs und seit vielen Jahren Professorin an der Kunsthochschule von Braunschweig ist. Bereits vor letztem Herbst hat sie immer wieder öffentlich die israelische Regierungspolitik in deutlichen Worten kritisiert. Anfang Dezember 2023 wollte die Künstlerin gemeinsam mit Michael Rothberg, Professor für Holocaust-Studien an der University of California, die geplante Konferenz „We still need to talk. Hin zu einer relationalen Erinnerungskultur“ in Berlin abhalten. Die Konferenz sollte Antisemitismus, Rassismus und gegenwärtige Veränderungen und Herausforderungen in der deutschen Erinnerungskultur verhandeln, auch im Rückblick auf die heftigen Kontroversen in der Reaktion auf die documenta 15. 
 Buhr, Elke: Ende einer Ausstellung, in: Monopol, 27.11.2023,
[Abruf am 03.02.2024.]
Ende Oktober entschied sich die Bundeszentrale für politische Bildung als Veranstalterin, die Konferenz ohne Abstimmung mit den beiden Kurator*innen abzusagen. Es sei schon im Vorfeld schwierig gewesen, den Prinzipien ausgewogener politischer Bildung entsprechend Gegenstimmen zu Michael Rothbergs Position zu gewinnen. Der Bundeszentrale zufolge überlagern die Ereignisse des 7. Oktobers 2023 diese Vorbereitungen. Es sei nun eine Zeit des Trauerns und der Solidarität mit Israel und den Opfern. 
    Dagegen protestierten in Berlin zahlreiche Künstler*innen, Kulturschaffende und Intellektuelle, die die Gefahr sehen, dass Kritiker*innen der israelischen Kriegsführung in Deutschland nicht mehr zu Wort kommen: „Eine gesunde Demokratie muss die Inklusion und Partizipation einer breiten Vielfalt bieten, zu der israelische, jüdische, palästinensische und muslimische Stimmen gehören, die sich für eine Waffenruhe einsetzen“, heißt es im Aufruf der Demo „We Still Still Still Still Need To Talk – Waffenstillstand Jetzt!“ am 10. November 2023. 
    Ob die Bundeszentrale ihr Versprechen halten wird, sich der Debatte zu einem späteren Zeitpunkt zu stellen, bleibt abzuwarten. Dass das Anliegen der Konferenz angesichts der hohen Zahl ziviler Todesopfer und der humanitären Krise in Gaza, sowie der Frage nach der Verhältnismäßigkeit des militärischen Vorgehens Israels und der Klage Südafrikas vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag neue Dringlichkeit erhält, scheint bislang zu keiner Neubewertung der Entscheidung geführt zu haben.

Schwerer für die Meinungsfreiheit in Deutschland wiegt aber, welche Konsequenzen Candice Breitz’ akademisches und aktivistisches Engagement für sie als Künstlerin hat. Das Saarlandmuseum cancelte die geplante Ausstellung der Videoinstallation TDLR zu Sexarbeit in Cape Town mit der wahrheitswidrigen Begründung, Candice Breitz hätte sich nicht klar genug gegen den Terror der Hamas positioniert.  Die kuratorische Entscheidung der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, zu der das Museum gehört, liegt aber noch nicht einmal in Form und Inhalt begründet, sondern in der (falschen) Bewertung von Meinungsäußerungen der Künstlerin. Das wäre schon bedenklich genug, schwerer aber wiegen die Doppelstandards, mit denen weiße deutsche Institutionen diese Entscheidungen treffen. Mit einem weißen deutschen Künstler, bei dem künstlerische Praxis und problematische politische Haltung ins eins zusammenfallen, geht das Museum nämlich ganz anders um.
    Ende September 2023 würdigte das Saarlandmuseum auf seinem Instagram Account das Werk Love like Blood von Jonathan Meese. Auf dem 3,7 x 6,0 Meter großen Ölbild hat Meese gleich mehrere Eiserne Kreuze auf die Leinwand gemalt. Dazu schreibt das Social Media Team des Museums: „Was bedeutet, dass die Motive in diesem Werk uns nur deshalb provozieren, weil wir sie mit bestimmten Bildern aus unserem Kulturkreis in Verbindung bringen. Aber sollte sich Kunst nicht davon lösen? Was haltet Ihr davon?“

 Bundeszentrale für politische Bildung: Termin abgesagt, Veranstaltung verschoben: We still need to talk, in: bpb.de, 21.11.2023, [Abruf am 03.02.2024.]

 BBK Berlin: We still still still still need to talk – Waffenstillstand jetzt!, o. D.,
[Abruf am 03.02.2024.] 

 Buhr, Elke: Ende einer Ausstellung, in: Monopol, 27.11.2023, [Abruf am 03.02.2024.]
Es ist natürlich schön, dass wir auf Instagram nach unserer Meinung gefragt werden, aber davon halten wir gar nichts! Denn am oberen Bildrand sehen wir auch noch eine Figur, die den rechten Arm in die Höhe gerissen hat: Jonathan Meese hat in seinen Bildern und Performances immer wieder den Hitlergruß gezeigt. Als Teil der nationalsozialistischen Ikonographie ist er untrennbar mit Antisemitismus als Kern dieser menschenverachtenden Ideologie verbunden. Im Jahr der documenta 13 stand Meese deswegen in Kassel vor Gericht, weil er an der dortigen Uni im Rahmen eines SPIEGEL-Gesprächs trotz des gesetzlichen Verbots den rechten Arm einfach nicht unten lassen wollte.
    Die Gerichte urteilten, auch im Revisionsverfahren, zugunsten von Jonathan Meeses Kunstfreiheit. Dabei argumentierten Jonathan Meese und seine Rechtsvertretung erfolgreich, dass es keinen Unterschied mache, ob Meese den Hitlergruß in Performances und Ausstellungen oder während Interviews zeige, denn auch Interviews seien Teil seines Werks und seiner Kunstfigur. 

Im Saarland wird Jonathan Meese immer noch gefeiert und Candice Breitz gecancelt. Hier zeigt sich die White German Supremacy im deutschen Kulturbetrieb. Meeses Kunstfreiheit, derart achtlos mit der deutschen Vergangenheit umzugehen, ist rechtlich geschützt. Aber jenseits dieser Rechtsprechung wäre es die originäre Aufgabe von Programmveranwortlichen, ihr historisches Bewusstsein unter Beweis stellen. Und zwar, indem sie die diskursive und kuratorische Aufwertung von Künstler*innen wie Meese unterlassen.
    Umgekehrt wird im Fall von Candice Breitz verfahren: Tatsächliche und/oder sogar unterstellte Äußerungen zum Nahostkonflikt werden zum entscheidenden Kriterium der Programmverantwortlichen gemacht. Damit eilen sie der verweigerten Debatte voraus, wie die Staatsräson kuratorisch in Einklang mit der grundgesetzlich garantierten Meinungs- und Kunstfreiheit zu bringen ist. Eine solche Programmarbeit führt im Extremfall dazu, dass deutsche Institutionen sogar jüdische Personen diffamieren und aus ihren Diskursräumen verbannen.
    Wer hat teil, wer fehlt (immer noch)? (Schon wieder?) Findet eine demokratische Debatte überhaupt noch statt? Und falls ja, wer darf daran noch teilhaben? Und wer darf über Teilnahmen entscheiden?

 Müller, Lothar: Anklage gegen Jonathan Meese – Hitlergruß ohne Dämon, in: Süddeutsche.de, 12.02.2015,  [Abruf am 03.02.2024.]
Diese Abschaffung der Diskursräume wie im Saarlandmuseum ist sogar geeignet, zum Gegenteil einer geschichtspolitischen Verantwortungsübernahme zu geraten, wenn sie dazu beiträgt, unter den Teppich zu kehren, wie schwer sich die weiße deutsche Nachkriegsgesellschaft damit getan hat, sich seiner genozidalen faschistischen Vergangenheit aufrichtig zu stellen:
    In der Literaturstadt Frankfurt am Main wird das am Beispiel Martin Walsers deutlich. Vor einem Vierteljahrhundert nahm der Schriftsteller den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Paulskirche entgegen. In seiner Rede schwadronierte er, die kontinuierliche Erinnerung an die Shoa und deren angebliche Instrumentalisierung lasse Auschwitz zu einer „Moralkeule“ werden. Der gewürdigte Redner wurde anschließend mit stehenden Ovationen gefeiert.
    Nur einigen wenigen Anwesenden war nicht zum Klatschen zumute, darunter den Eheleuten Ignatz und Ida Bubis. Zwar wurden die Auslassungen des Preisträgers und die Reaktion des damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland im Nachgang öffentlich kontrovers diskutiert, aber Walser blieb zeitlebens einer der bedeutendsten deutschsprachigen Intellektuellen. Selbst der Bundeskanzler kondolierte auf Twitter anlässlich seines Todes im letzten Sommer: „Martin #Walser hat die Literatur der Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt. Seine Bücher haben Generationen gelesen, seine Freude am Argument hat uns viele lebhafte Debatten beschert.“ 

 Bundesregierung: Tweets des Bundeskanzlers vom 24.07. bis 30.07.2023, in: Die Bundesregierung informiert | Startseite, 30.07.2023,
 [Abruf am 03.02.2024.]
Die Verweigerung der Übernahme historischer Verantwortung geht aber weit über solche Skandale hinaus: Antisemitismus wird im öffentlichen Diskurs inzwischen vor allem als „importierte“ Bedrohung dargestellt, von Rassismus betroffene Personen und Communities (in der Kultur) unter Generalverdacht gestellt und der post-nazistische Antisemitismus als angeblich überwunden ausgeblendet. Die deutsche Dominanzkultur riskiert so, von Antisemitismus und von Rassismus betroffene Menschen gegeneinander auszuspielen, während die eigentliche Bedrohung längst in den Parlamenten sitzt und begonnen hat, die Freiheit der Kunst auszuhöhlen.

Zu Beginn dieses Jahres stellte die weiße Dominanzkultur erschrocken fest, wovor marginalisierte Menschen seit Jahren warnen: Faschisten verfolgen zielstrebig faschistische Politik.
    Zehntausende Menschen versammelten sich überall in deutschen Städten, um gegen Rechts zu demonstrieren. Sogar der Bundeskanzler, der ja eigentlich im großen Stil abschieben will, schaute vorbei. Doch die Proteste zeigten wieder einmal, was auch im Programm der Kulturinstitutionen immer wieder misslingt: Die guten Absichten der weißen Demokratie drängten die Betroffenen an die Seite der Proteste und öffentlichen Wahrnehmung, denen der Faschismus tatsächlich nach dem Leben trachtet.

Es ist überfällig, dass die White Arty Class das Wort ergreift, um Kunst-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit für alle zu schützen. Es ist die demokratische Pflicht von Kultureinrichtungen, Diskursräume so weit offen zu halten, dass in ihnen kontroverse, zuweilen auch schmerzhafte Debatten geführt werden können.
 
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Demokratie ist nicht nur für weiße Menschen [mit Nazihintergrund].

Notizen

 Bundesweites Artist Labor der Labore

 Fonds Darstellende Künste (Hrsg.) (2023): Bundesweite Artist Labs & B.A.L.L. 2023, Video „Eröffnung“. [Abruf am 03.02.2024.]
 Annoff, Michael/ Demir, Nuray: Hello, White Diversity!, in: Kulturpolitische Gesellschaft (Hrsg.): #neueRelevanz. 11.03.2021  [Abruf am 03.02.2024.]
 Hickmann, Christoph/Kurbjuweit, Dirk: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“ – Olaf Scholz’ neue Härte in der Flüchtlingspolitik, in: Der Spiegel, Nr. 43 / 20.10.2023, [Abruf am 03.02.2024.]
 Deutschlandfunk Kultur: Strafanzeige gegen Kampnagel - Ein Kunstprojekt, kein Flüchtlingsheim, in: Deutschlandfunk Kultur, 08.12.2014, [Abruf am 05.02.2024.]
 Annoff, Michael/Demir, Nuray: Showcase im Splitscreen. Videobotschaften an die Dominanzkultur, in: Pfost, Haiko/Renfordt, Wilma/Schreiber, Falk (Hrsg.): Lernen aus dem Lockdown. Nachdenken über Freies Theater. Festschrift zum 20. Jubiläum des Impulse Festivals, S. 21–27, 2020.
 Buhr, Elke: Ende einer Ausstellung, in: Monopol, 27.11.2023,
[Abruf am 03.02.2024.]
 Bundeszentrale für politische Bildung: Termin abgesagt, Veranstaltung verschoben: We still need to talk, in: bpb.de, 21.11.2023, [Abruf am 03.02.2024.]
 BBK Berlin: We still still still still need to talk – Waffenstillstand jetzt!, o. D.,
[Abruf am 03.02.2024.]
 Buhr, Elke: Ende einer Ausstellung, in: Monopol, 27.11.2023, [Abruf am 03.02.2024.]
 Müller, Lothar: Anklage gegen Jonathan Meese – Hitlergruß ohne Dämon, in: Süddeutsche.de, 12.02.2015,  [Abruf am 03.02.2024.]
 Bundesregierung: Tweets des Bundeskanzlers vom 24.07. bis 30.07.2023, in: Die Bundesregierung informiert | Startseite, 30.07.2023,
 [Abruf am 03.02.2024.]
Literatur
Annoff, Michael/Demir, Nuray: Hello, White Diversity!, in: Kulturpolitische Gesellschaft (Hrsg.:): #neueRelevanz. 11.03.2021,
  [Abruf am 03.02.2024.]

Annoff, Michael/Demir, Nuray: Showcase im Splitscreen. Videobotschaften an die Dominanzkultur, in: Pfost, Haiko/Renfordt, Wilma/Schreiber, Falk (Hrsg.): Lernen aus dem Lockdown. Nachdenken über Freies Theater. Festschrift zum 20. Jubiläum des Impulse Festivals, 2020.

BBK Berlin: We still still still still need to talk – Waffenstillstand jetzt!, o. D.,   [Abruf am 03.02.2024.]

Bundesregierung: Tweets des Bundeskanzlers vom 24.07. bis 30.07.2023, in: Die Bundesregierung informiert, 30.07.2023, 
[Abruf am 03.02.2024.] 

Bundeszentrale für politische Bildung: Termin abgesagt, Veranstaltung verschoben: We still need to talk, in: bpb.de, 21.11.2023,  [Abruf am 03.02.2024.] 

Buhr, Elke: Ende einer Ausstellung, in: Monopol, 27.11.2023,   [Abruf am 03.02.2024.]

Deutschlandfunk Kultur: Strafanzeige gegen Kampnagel - Ein Kunstprojekt, kein Flüchtlingsheim, in: Deutschlandfunk Kultur, 08.12.2014,  [Abruf am 05.02.2024.] 

Fonds Darstellende Künste (Hrsg.) (2023): Bundesweite Artist Labs & B.A.L.L. 2023, Video „Eröffnung“. Online unter:   [Abruf am 03.02.2024.] 

Hickmann, Christoph/Kurbjuweit, Dirk: Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“ – Olaf Scholz’ neue Härte in der Flüchtlingspolitik, in: Der Spiegel, Nr. 43 / 20.10.2023, [Abruf am 03.02.2024.]

Müller, Lothar: Anklage gegen Jonathan Meese – Hitlergruß ohne Dämon, in: Süddeutsche.de, 12.02.2015,   [Abruf am 03.02.2024.]  


Anmerkung der Autor:innen:
In einer früheren Version hatten wir geschrieben, die Konferenz von Michael Rothberg und Candice Breitz wäre Ende November 2023 abgesagt worden. Dies war aber bereits Ende Oktober der Fall. 
Die Videoinstallation TDLR von Candice Breitz ist in Cape Town entstanden, nicht in Johannesburg. 
Wir haben beide Stellen dementsprechend korrigiert. 



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