Michael Barenboim, Kunst in Zeiten von Genozid
Michael Barenboim, Kunst in Zeiten von Genozid
Michael Barenboim
Kunst in Zeiten von Genozid
Kunst in Zeiten von Genozid
| Über Kunstfreiheit sprechen heißt, sofort auch über ihre Grenzen zu sprechen. In Deutschland garantiert zwar Artikel 5 des Grundgesetzes das Recht, seine Meinung frei zu äußern, es ist dennoch unbestreitbar, dass es gewisse Restriktionen gibt, welche sich grob mit dem Begriff „Staatsräson“ erklären. | |
| Wenn aufeinanderfolgende deutsche Regierungen von einer „Staatsräson“ sprechen, an der Seite Israels zu stehen, dann überlagert dies die Garantien der Meinungs- und Versammlungsfreiheit – zumindest im Denken führender Politiker*innen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Regierung. Denn die Staatsräson steht per Definition außerhalb des Rechts. Die bloße Existenz von Palästinenser*innen und die Erzählungen von Massenvertreibungen und Entrechtung (Stichwort Nakba) stehen dieser Staatsräson kategorisch, grundsätzlich und kompromisslos entgegen. | |
| Es ist unmöglich, dieses Thema zu besprechen, ohne über Palästina zu sprechen, und über Deutschlands Rolle. Trotz oberflächlicher Äußerungen zum „unerträglichen Leid“ der Zivilbevölkerung unterstützt Deutschland ohne Wenn und Aber den Völkermord an den Palästinenser*innen in Gaza, unter anderem mit Waffen. | |
| Institutionen schweigen dazu, weil sie entweder diesen Kurs unterstützen oder Angst vor Budgetkürzungen haben müssen. Dabei macht der IGH in seinem Gutachten vom 19. Juli 2024 klar, dass alle Staaten verpflichtet sind, „die durch die fortdauernde Präsenz des Staates Israel im besetzten palästinensischen Gebiet geschaffene Situation nicht als rechtmäßig anzuerkennen“ und „keinerlei Beihilfe oder Unterstützung zur Aufrechterhaltung der durch die fortdauernde Präsenz des Staates Israel im besetzten palästinensischen Gebiet geschaffenen Situation zu leisten.“ Institutionen, die durch Untätigkeit, Apathie oder Gehorsamkeit an dieser Situation nichts versuchen zu ändern, machen sich mitschuldig. | |
| Was also tun, wenn staatliche Repression das Ausüben von Kunst einschränkt und Institutionen diese Einschränkung hinnehmen? Es gibt im Grunde genommen zwei Antworten: erstens, zu versuchen, innerhalb dieser Institutionen einen Wandel wie auch immer zu erreichen, und zweitens, neue Organisationen zu schaffen. Ich bin zum Beispiel Teil eines Künstler*innenkollektivs namens Make Freedom Ring, das seit Anfang 2024 Benefizkonzerte für Palästina organisiert. Neben dem Einsammeln von Mitteln machen wir es uns zum Auftrag, die Frage Palästinas in den Vordergrund zu stellen und palästinensischen Stimmen auf der Bühne Gehör zu verschaffen. | |
|
Würde es uns geben, wenn unsere Branche der klassischen Musik mit
Benefizveranstaltungen und Solidaritätsbekundungen für Palästinenser*innen in Gaza reagiert hätte, so wie sie es zum Beispiel seit 2022 zugunsten der Ukraine tat und noch tut? Ganz sicher nicht. Wir sind bestürzt über das Schweigen vieler unserer Kolleg*innen, die allesamt entweder Angst um ihre Konzerte haben oder eben den Kurs der Vernichtung palästinensischen Lebens und Kultur unterstützen. Und wir sind schockiert über das Verhalten von Konzerthäusern und Festivals, die permanent wegschauen. Sie alle halten scheinbar die Menschenrechte nur dann hoch, wenn es keine negativen Konsequenzen zu befürchten gibt. |
|
|
Ich bin auch ein Mitglied des Vereins palästinensischer und jüdischer Akademiker*innen,
der sich als Gegenstimme zu den repressiven Entwicklungen von Diskursen, Richtlinien und Handlungen, die im Zusammenhang mit Palästina/Israel stehen, konstituiert. Auch hier:
Wir sind verstört über das Schweigen und die geringen Reaktionen unserer Kolleg*innen und verpflichten uns, in Solidarität miteinander palästinensische und kritische jüdische akademische Stimmen in wissenschaftliche und öffentliche Debatten einzubringen. Der studentische Aktivismus auf Campussen, sowohl in Deutschland als auch international, war und ist eine Inspiration für unsere Arbeit. |
|
| Es bleibt einem nichts anderes übrig, als einen enormen Aufwand zu betreiben. Wenn in einem Anflug des Orwellianismus beispielsweise illegale Angriffe als „Selbstverteidigung“, Massenvertreibungen als „Schutzmaßnahmen“, Kopfschüsse an Kindern als „Terrorismusbekämpfung“ und tägliche Tötungszenen als „humanitäre Hilfe“ bezeichnet werden, und gleichzeitig der Verweis auf diese Missstände ein berufliches und persönliches Risiko darstellt, muss jede*r im Rahmen ihrer*seiner Möglichkeiten handeln. | |
|
Edward Said sprach über die Rolle des Intellektuellen als „Störfaktor des Status quo – eine
Person, die nicht leicht von Regierungen oder Konzernen vereinnahmt werden kann und
sich der Wahrheit und der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt.“ (eigene Übers.) Das ist unsere Rolle, ob mit oder ohne Institutionen. |
|
|
Notizen |