Nina Tabassomi, Ich habe nur Fragen…
Nina Tabassomi, Ich habe nur Fragen…
Nina Tabassomi
Ich habe nur Fragen…

Ich leite eine Institution, eine Kunsthalle in Österreich, und fühle mich nicht in der Lage, ein abschließendes Statement abzugeben. Ich kann nur einen Ausschnitt aus den Fragen und Diskussionen teilen, die mich derzeit täglich beschäftigen, im Gespräch mit Kolleg*innen, Künstler*innen, Freund*innen, aber auch im Zwiegespräch mit mir selbst.

Es gibt Dinge, die mich an Institutionen festhalten lassen: Sie können Orte von Diskussionen und gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen sein und dabei einen Adressat*innenkreis erreichen, der den einer gleichgesinnten Community übersteigt. Sie können Menschen mit unterschiedlichen künstlerischen Herangehensweisen, unterschiedlichen lebensweltlichen Erfahrungen und unterschiedlichen geopolitischen Situierungen zusammenbringen.

Zugleich befinden sich Institutionen, die historisch und strukturell Ausschlüsse, Gewalt und Diskriminierungen generiert und perpetuiert haben, heute nach einer Dekade der zaghaften Öffnungen in einer verschärften Krise, in der sie den oben genannten Aufgaben immer weniger gerecht werden

Wir alle haben einen Grund dafür, weshalb wir in die Kunst gegangen sind. Bei mir war es die sinnlich-intellektuelle Erfahrung und Erkenntnis, dass künstlerische Sprachen (Literatur, bildende Kunst, Musik, Theater etc.) Schmerz verhandeln können, ohne davon Betroffene erneut zu viktimisieren, sondern sich/sie stattdessen zu empowern. In der aktuellen und akuten Situation frage ich mich, ob meine kuratorische Herangehensweise, die daraus resultiert und nicht auf klare Statements setzt, sondern auf politische Poesie, die richtige und ausreichende ist.
Im Jahr 2024 legte das Institut für Museumsforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz „die erste bevölkerungsrepräsentative Studie zu Vertrauen in Museen in Deutschland“ vor. Das Vertrauen in Museen sei höher als das in Wissenschaftler*innen sowie Medien. Und dieses „Vertrauen in Museen speist sich aus der Perzeption von Neutralität. Menschen, die Museen als neutral und unparteiisch wahrnehmen, vertrauen diesen wesentlich stärker als diejenigen, die diese Neutralität nicht anerkennen.“ 
  Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Deutschlandweite Studie: Museen genießen höchstes Vertrauen, 19. April 2024, online unter [aufgerufen am 20.07.2025]
Das Berufen auf vermeintliche Neutralität wird derzeit von Institutionen instrumentalisiert, um Künstler*innen und Denker*innen, die sich der deutschen Staatsräson widersetzen, nicht einzuladen oder sie wieder auszuladen, ihre Veranstaltungen abzusagen etc. Und auch wenn ich persönlich kein Fan des Begriffs Neutralität bin, gilt es für Kunstinstitutionen ernst zu nehmen, was sich das potentielle Publikum von ihnen wünscht:
Gebietet es nicht gerade das Streben nach Neutralität, dass Künstler*innen, Denker*innen und Institutionen sich dann zu Wort melden, wenn das politische und mediale Umfeld, in dem sie agieren, sich außerhalb des internationalen Völkerrechts positioniert? Bedarf es in einem Setting, in dem Personen sanktioniert werden, allein weil sie sich der Einschätzung sämtlicher Menschenrechtsorganisationen anschließen, nicht gerade des Insistierens auf den neutralen völkerrechtlichen und ethischen Fakten? Oder gehört es zur „Deutschungshoheit“ (Malonda)  , die Vorstellung von neutral jetzt auch anders zu verstehen als faktenbasiert?



In ihrem Song Deutschungshoheit (2022) zerlegt die Musikerin Malonda deutschen Rassismus und rassistische Kontinuitäten des deutschen Kolonialismus, Nationalsozialismus und rassistischer Polizeigewalt, und zentriert den Widerstand dageggen. Video:

Notizen
  Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Deutschlandweite Studie: Museen genießen höchstes Vertrauen, 19. April 2024, online unter [aufgerufen am 20.07.2025]
In ihrem Song Deutschungshoheit (2022) zerlegt die Musikerin Malonda deutschen Rassismus und rassistische Kontinuitäten des deutschen Kolonialismus, Nationalsozialismus und rassistischer Polizeigewalt, und zentriert den Widerstand dageggen. Video: