Tanasgol Sabbagh, Ich bitte dich
Tanasgol Sabbagh, Ich bitte dich
Tanasgol Sabbagh
Ich bitte dich
Ich bitte dich
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Wir sehen: Ein konzentrierter Blick. Die Lippen sprechen entschlossen. Die Uniform wird gerichtet; ein Ziehen an den Socken bis hoch zu den Knien. Wir sehen: eine Fußballspielerin in der Umkleidekabine, alles drumherum Adidas. Sie spricht von der Technik, vom Zusammenhalt, von der Verteidigung. Sie fragt, warum trotz all dieser Stärken doch etwas fehlt? Die Kamera schwenkt. In der Tür: blonder Pferdeschwanz, grüne und braune Montur. Cora, ist doch klar, unser Kader ist zu klein. Wir sehen: Den Weg, den die beiden zum Stadion laufen. Wir sehen: 11 Bundeswehrsoldat*innen auf dem Spielfeld. Wir brauchen Menschen, die durchziehen und an sich glauben – Frauen wie dich. Wir sehen: Keine Spielerin, keinen Ball. Schnitt. So stehen die Dinge. Omar al Akkad sagt: Am Ende hat es keinen Sinn, immer wieder in das kalte, in sich gekehrte Zentrum der Macht zu schreien: Ich bitte dich, nur dieses eine Mal, sei das, was du vorgibst zu sein. Im Zentrum der Macht steht ein Gedicht. Darin gibt es eine Hand. |
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James Baldwin sagt zu einem Interviewer: Terry, I know what is happening here. What is happening here is: He has something in his mind, and I have something in my mind too, what you don’t quite see. Wir sehen: Hände. Beine und Köpfe abgetrennt vom Körper. Wir sehen: Flammen in der Nacht und am Morgen. Aus der sichersten aller Distanzen, sehen wir Rauchschleier am Himmel. Wir sehen: Wolken und Phosphor in Gaza, wie sehen wir was, was die nicht sehen? Aus der Schulzeit habe ich mir behalten: Institutionen gewähren Freiheit, indem sie Freiheit nehmen. Wir sehen: Ein großes Theaterhaus und wie die panische Intendanz kurz vor Beginn auf die Organisator*innen der Diskursveranstaltung einredet: den Plan umzuwerfen, die Bühne sicher zu halten, den Ort nicht zu nennen, das Wort nicht zu sagen, oder wenn es denn unbedingt sein muss: Geraunt. Geflüstert. durch die Blume. Hinter vorgehaltener Hand. Als trojanisches Pferd und dann das System von innen — So stehen die Dinge. Man spricht nicht. Zu einem Zeitpunkt, als Sprechen sich anfühlte, als würde ich barfuß über ein Minenfeld gehen, schreibt Alena Jabarine und sagt: dass die Unterdrückung von Sprechen vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass Sprache mächtig ist. Wo liegt das Zentrum der Macht? Ist es größer als ein Fußballstadion? Liegt es auf der Hand? Julien sagt: Müde Kunst und meint das Gähnen im Backstage vor Erschöpfung und meint das Gähnen im Publikum vor Erschöpfung und meint erschöpfte Gliedmaßen und das Zucken der Augen. Chasing one’s own tail, heißt es im Englischen. Auf einer Übersetzungswebsite steht im Beispielsatz: Hier beginnt ein Prozess, in dem wir unseren eigenen Ideen hinterherrennen. Und: runrunrunrunrun for your life. Schnitt. Wir sehen: eine Neuproduktion nach der anderen eine bahnbrechende Ausstellung nach der anderen ein vielversprechendes Debüt eine neue Stimme einer Generation eine paradigmenwechselnde Performance eine Komposition ein Bild Wir träumen Nachts das Versmaß des Programmbegleithefts Let my tombstone read: I hope this email finds you well. Wir sehen: Im Zentrum der Macht ein Gedicht. Hélene Cixous sagt: A poet will never be the president of a great state, no woman* who is a woman*, nobody whose tongue is free, will ever be president. A state will never accept a poet, and a poet will never accept a state. We are even. Between the state and the citizens of language there is war. Wir brauchen Menschen, die durchziehen und an sich glauben — Frauen wie dich. In einem Podcast heißt es, dass Freud das Wort Kultur vom lateinischen Wort culter ableitet: das Messer. Ich habe es gegoogelt: Es ist etymologisch falsch, aber erklärt so vielleicht die Kürzungen. Die Beschneidungen der Wörter und Rechte. Den Schnitt in einem Werbespot der Bundeswehr. Ich kann alles googeln: Wie hoch ist der deutsche Verteidigungshaushalt? Wie hoch ist der Umsatz von Rheinmetall seit 2022? Welche Gedichte schreiben sich mit dem Militärvokabular? Lavender Where is Daddy? LOOK So stehen die Dinge im Netz das alles verbindet: Einen Begriff mit seinem Subtext. Eine Staatsräson mit ihren Waffen. Am Ende hat es keinen Sinn, immer wieder in das kalte, in sich gekehrte Zentrum der Macht zu schreien: Ich bitte dich, nur dieses eine Mal, sei das, was du vorgibst zu sein: Ich bitte dich: Theater Museum Universität Literaturbetrieb Journalismus sei das, was du vorgibst zu sein. Wenn ich allen Schmuck und Betrieb und Szene subtrahiere, sagt Miedya, ist Kunst für mich dort, wo an einer Ästhetik des Widerstands gearbeitet wird. Ist Widerstand dort für mich, wo getrotzt wird, trotz allem. James Baldwin sagt: The world will change, because it has to change. Ich bitte dich. |
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Notizen
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