Michael Annoff & Nuray Demir, Underground Institutions
Michael Annoff & Nuray Demir, Underground Institutions
Michael Annoff & Nuray Demir
Underground Institutions
Underground Institutions
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Die zweite Ausgabe der performativen Publikationsreihe The Words of the Arty Class ist eine Dokumentation. Sie präsentiert Beiträge, Auszüge und Statements des Festivals Underground Institutions, das am 5. und 6. Juli 2025 im Familiengarten Kreuzberg und im bUm – Raum für solidarisches Miteinander stattfand. Das Festival schuf Räume für Live Arts. Es kooperierte mit Künstler*innen, Kurator*innen und Autor*innen, die keine Lust haben, von weißen Institutionen entdeckt, vereinnahmt oder schon wieder ausgeladen zu werden. |
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Geplatzte Träume In vielen Bubbles der super-diversen Stadtgesellschaft sind in den letzten Jahren Ansätze entstanden, die uns hoffen ließen, in einer sozial gerechteren Gesellschaft leben zu können. Dabei ging es neben Umverteilung von Ressourcen immer auch um neue kulturelle Praktiken und Institutionen, die es möglich machen, bestehende Diskurse über Privilegien und Marginalisierungen kontinuierlich zu hinterfragen und neu zu formulieren. Allerdings sind die Denkschulen, denen wir uns zugehörig fühlen, nur selten über akademische und aktivistische Räume und Netzwerke hinausgekommen. Wir schwebten auf einer Theoriewolke, die sich einfach nicht niederschlagen wollte. Besonders den öffentlichen Institutionen in Kunst und Kultur fällt es seit Jahrzehnten schwer, Teilhabe und Diversität zu ermöglichen. Sie haben sich historisch aus feudalen und bourgeoisen Einrichtungen heraus entwickelt, die nach und nach andere Gemeinschaften beteiligten – meistens eher zögerlich oder sogar widerwillig. Aber ein paar naive Jahre lang waren wir zuversichtlich, dass Kunst und Kultur als zentraler Teil der demokratischen Gesellschaft step by step chancengerechter würden. Wir nahmen es mit Humor, wenn wir in weißen bürgerlichen Institutionen zwei Steps nach vorne und anderthalb nach hinten machen mussten. Optimistische antirassistische und queerfeministische Akademiker*innen wie wir sagten gerne: The work has been done! Unsere Analysen sind so gut und treffend, dass wir wirklich glaubten, die fortschreitende Demokratisierung, auch und vor allem der Kunst, müsste jetzt mal von alleine laufen. Aber wenn wir uns dann umschauen: kaum ein Feld ist homogener von privilegierten Milieus besetzt. Es wird sogar noch schlimmer! Außerhalb unserer Filterblasen hat sich längst ein rassistischer, sexistischer und klassistischer Backlash durchgesetzt, wie wir ihn uns lange nicht hätten vorstellen können! Rechtsdrift, Staatsräson und massive Kürzungen verengen Diskursräume. Und die allermeisten Kulturinstitutionen wollen dem nichts entgegensetzen, wie wir bereits in der ersten Ausgabe dieser Publikation geschrieben haben. Noch einmal anderthalb Jahre später wird immer deutlicher, das die fragile diversitätsorientierte Demokratisierung von Kunst und Kultur von kuratorischen und institutionellen Grenzregimen abhängen, deren Gatekeeper*innen fast ausnahmslos aus der white straight upper middle class stammen. Erst scheiterten die Projekte zu Diversifizierung, nun sind die Institutionen erst recht nicht bereit, die Freiheit aller Künstler*innen mit Vehemenz zu verteidigen. Das gilt insbesondere für die Freiheit derjenigen Künstler*innen, die frühzeitig die israelische Regierung und Armee kritisiert und vor einem Genozid an den Palästinenser*innen im Gazastreifen gewarnt haben und forderten, diesen sofort zu stoppen. Das Versagen der demokratischen Institutionen macht vor denen in Kunst und Kultur nicht Halt, die eigentlich die Aufgabe haben, Raum zu schaffen für multidirektionale Erinnerung und Gegenwartsbewältigung. Häufig sind wir inzwischen nicht einmal mehr sicher, ob das noch am Beharrungsvermögen nur vorgeblich reformwilliger Strukturen liegt oder schon am vorauseilenden Gehorsam einer immer reaktionäreren Kulturpolitik. In Zeiten des Zivilisationsbruchs machen deutsche Kunst- und Kulturinstitutionen business as usual. |
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Back to the roots – Back to the future Große Kulturinstitutionen bemühten sich seit einigen Jahren mit aufsuchender Kulturarbeit darum, diejenigen zu erreichen, die sich vom angebotenen Programm nicht eingeladen fühlen. Immer wieder legten die großen Institutionen neue Programme auf, die eher chancengerechte Zugänge simulierten als realisierten. Theater und Museen schaffen bis heute Community Spaces, in denen die Stadtgesellschaft verweilen, diskutierten und mitarbeiten soll. Diese angeblichen Freiräume eignen sich systematisch Funktionen und Arbeitsweisen an, die bisher in subkulturellen und/oder postmigrantischen Räumen gepflegt wurden. Das Alltagsleben marginalisierter Communities wird zur verlängerten Werkbank weißer bürgerlicher Hochkultur. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, dass die diversen, sich längst überlagernden migrantisierten Communities in den letzten sechs Jahrzehnten schon vielfältige Ansätze entwickelt haben. Diese wurden aber oft ignoriert oder spät zur Kenntnis genommen, bevor von „Migration als Normalfall“ die Rede war. Dies wollten wir mit unserem Performativen Festival in Erinnerung rufen – gerade weil dieser Normalfall und damit die Lebensrealität von hunderttausenden Berliner*innen aggressiv in Frage gestellt wird. Abseits zu der beschriebenen dominanzkulturellen Entwicklungen leisten marginalisierte Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen seit Jahrzehnten doppelte Arbeit. Mit weniger oder gar keinen staatlichen Ressourcen mussten sie erst Räume schaffen, in denen ihre Kunst öffentlich werden konnte: Underground Institutions. Das Kulturleben migrantisierter und/oder queerer Berliner*innen musste meistens nach Feierabend aufgebaut werden. Erst nach getaner prekärer Arbeit konnten sie schreiben und dichten, komponieren und musizieren, kuratieren und organisieren. Doch genau diese improvisierten Spielstätten sind die Entstehungskontexte diasporischer Ästhetiken, ohne die Gegenwartskunst und Unterhaltungskultur nicht mehr vorstellbar sind. Marginalisierte Künstler*innen verfügen über jahrzehntelanges Erfahrungswissen, wie sich neue Öffentlichkeiten für ihre Kunst aufbauen und institutionalisieren lassen. Auf dieses Erfahrungswissen werden ausgegrenzte Künstler*innen in Zukunft noch stärker bauen müssen. Angesichts der gegenwärtigen Bedrohungen schlagen wir eine performative Stärkung kleinteiliger, selbstorganisierter und lokaler Strukturen vor: Das zweitägige Festival Underground Institutions kehrte in lokale Entstehungskontexte marginalisierter künstlerischer Praktiken zurück. Es dezentralisierte die Kunst der Stadtgesellschaft. Es erinnerte, würdigte und reenactete die doppelte Arbeit marginalisierter Künstler*innen. Darüber hinaus lud es zu Performativen Versammlungen, um nach den Kontinuitäten solcher künstlerischer Praktiken zu fragen – außerhalb öffentlicher Institutionen, wenn es sein muss. Die erste Spur, Vergangenheit(en) versammeln, erinnert mit einer künstlerischen Arbeit von Corç George Demir und einer Lecture-Performance von Gürsoy Doğtaş an Underground Institutions der Vergangenheit, die ganz ohne öffentliche Förderungen auskommen mussten. Der zweite Themenstrang spannt den Bogen über beide Festivaltage in die Gegenwart: Ernste Unterhaltung setzt sich in Form und Inhalt über die deutsche Grenzziehung von E- und U-Kultur hinweg. Die eingeladenen Künstler*innen Bundaskanzlerin, Esther Dischereit, Miedya Mahmod, Sorah, Wafaa Saied, douniah und KDM Königin der Macht ergreifen in Zeiten der Sprachlosigkeit das Wort. Auf die großen Institutionen ist auch in Zukunft kein Verlass. Auf der dritten Spur fragen wir deshalb Nahed Samour & Pary El-Qalqili, Tanasgol Sabbagh, Nina Tabassomi, Sabuha Salaam, Michael Barenboim, Alena Jabarine und Minh Duc Pham nach Kunst ohne Institutionen. Denn wieder einmal müssen sich marginalisierte Künstler*innen außerhalb der öffentlichen Strukturen organisieren. Wie verhält sich die Kunst zur Politik der Gegenwart? |